Zukunft der Arbeit: Kolletive Selbstorganisation

Internet und Digitalisierung vernetzen Menschen und Maschinen weltweit. Völlig neue Wege der Zusammenarbeit ohne zentrale Steuerung entstehen. Zukunftsforscher sprechen bereits von kollektiver Selbstorganisation, der sogenannten Schwarmintelligenz, als neuem Paradigma der Arbeitsorganisation. Doch wie intelligent ist der Schwarm wirklich?

Planvolles Handeln ohne zentralen Plan

Dass eine Masse von Menschen eine große Macht entfalten kann, lehrt die Geschichte: Immer wieder stürzten große Gruppen von Menschen ohne zentrale Steuerung scheinbar unbezwingbare Regime. Im Wirtschaftsleben hingegen dominieren hierarchisch organisierte Unternehmen. Könnten Strategien der kollektiven Intelligenz helfen, Firmen besser an die Digitalisierung und den rasanten technologischen Wandel anzupassen? Ein Blick ins Tierreich zeigt wie kollektive Selbstorganisation funktionieren kann.

In Ameisen oder Bienenvölker arbeiten häufig tausende Einzelindividuen extrem flexibel und störungsresistent zusammen. Auch wenn das einzelne Individuum in seinem Tun keinen übergeordneten Plan verfolgt, beeinflusst und steuert es den Schwarm.  Ameisen beispielsweise hinterlassen eine Pheromonspur, wenn sie mit Beute zum Nest zurückkehren. Andere Ameisen orientieren sich daran und finden den Weg zur Nahrungsquelle ebenfalls. Je mehr Ameisen diese Futterquelle nutzen, desto deutlicher wird die Spur. Eine Ameisenstraße entsteht, ohne dass ein Vorgesetzter das angeordnet hätte.

Ein Bienenschwarm

Schwarmintelligenz findet sich im Tierreich etwa bei Honigbienen. Die Tiere regulieren beispielsweise die Temperatur in ihren Bienenstöcken

Gute Ideen am Fließband

Übertragen auf die Organisation von Arbeit würde das bedeuten, dass flache Hierarchien effektiver sind und vorhandenen Ressourcen besser nutzen. Statt über komplizierte Befehlsketten kommunizieren die Mitglieder einer Gruppe dann direkt und unvermittelt. Für die Wirtschaft hieße das, ein Unternehmen bezieht seine Mitarbeiter in Entwicklung, Planung und Ausführung ein. Denn gute Ideen zur Optimierung der Fertigung kommen nicht nur vom Ingenieur am Computer, sondern vor allem von den Arbeitern am Fließband.

Bild der Industrie-4.0-Produktionslinie von Bosch Rexroth in Homburg

In einem Rexroth-Werk sorgt eine neue Pilotmontagelinie für die hochflexible und halbautomatische Produktion von Scheibenventilen für Traktoren. Über 200 Varianten können hier produziert werden.

Holger Kroekel, Betriebsrat bei Bosch Rexroth in Homburg (Saar), sagt daher auch ganz selbstbewusst im Hinblick auf die Einführung von Industrie 4.0: “Wenn uns die die Betriebsleitung bei der Einrichtung von neuen Fertigungslinien nicht einbezieht, beheben wir die Fehler im Nachhinein eben über das betriebliche Vorschlagswesen.”

Noch besser wäre es, hätte die Betriebsleitung beim Design der ersten digitalisierten und vernetzten Fertigungslinien von Anfang an Operateure und Betriebsrat einbezogen.

Mitarbeiter frühzeitig in Problemlösung einbinden

Günther Schuh, Professor an der RWTH Aachen, empfiehlt Unternehmen, die ihre Fertigung umstellen, daher klassische Organisationsstrukturen aufzubrechen, um dieses Schwarmwissen zu nutzen. "Künftig dürfen wir nicht mehr in hierarchischen Regelungsstrukturen denken." Die Erkenntnisse des Maschinenbauers zeigen, dass die Ergebnisse oft besser sind, wenn möglichst frühzeitig alle Mitarbeiter einbezogen werden. Die Vernetzungsfähigkeit im Unternehmen wird wichtiger werden, ist sich Schuh daher sicher. „Problemlösungen kommen nur noch ganz selten aus einem Feld.“

Wird sich das von unten gesteuerte Unternehmen also ganz von alleine durchsetzen, weil es effizienter ist? Möglicherweise. Geschieht dies, so werden die Firmen verdrängt, die sich dem Paradigma der Schwarmintelligenz nicht schnell genug anpassen. Diese Entwicklung sollte man also nicht dem Zufall überlassen. Von oben verordnen lassen sich flache Hierarchien zwar nicht. Aber Unternehmen werden zukunftssicher, wenn die Mitarbeiter bei der Einführung von Industrie 4.0 frühzeitig mitentscheiden können.

Grafik aus dem Abschlussbericht Industrie 4.0

Die Vision der Industrie 4.0: ein horizontales Wertschöpfungsnetzwerk

Industrie 4.0 - Bosch Rexroth Multiproduktlinie

Mensch, Maschine und Produkt vernetzt. Mit der Montagelinie im eigenen Werk zeigt Bosch Rexroth die praktische Anwendung von Industrie 4.0 Konzepten und gewinnt wertvolle Erfahrungen für ihre Weiterentwicklung.