Wir sind nicht die Roboter

Nach der Automatisierung der industriellen Produktion in den 70er und 80er Jahren folgt nun mit der Digitalisierung aller Produktionsbereiche die vierte industrielle Revolution. Industrie 4.0 wird die Arbeitsbedingungen vieler Menschen radikal verändern. Richtig umgesetzt, kann das mehr Sicherheit und besseren Arbeitsschutz bedeuten. Doch neue Technologien bergen auch neue Bedrohungen.

Henry Ford gilt mit seinem auf Fließbändern gefertigten Model T als einer der Wegbereiter der industriellen Automatisierung. Zusammengebaut wurden die Wägen zwar noch immer von Hand, doch jeder einzelne Arbeiter vollführte nur noch wenige, standardisierte Handgriffe. Der wirtschaftliche Erfolg war durchschlagend. Fords Angestellte verdienten deutlich mehr als bei der Konkurrenz, ihre Arbeit aber wurde monotoner und fremdgesteuert. Das Bild vom Menschen als Sklaven der Maschine war geboren.

Rund 100 Jahre später verändert die nunmehr vierte industrielle Revolution erneut unser Verständnis von industrieller Produktion. Vernetzte Bauteile, Maschinen und Menschen ermöglichen Smart Factories, eine flexible Produktion bis zur Losgröße 1 und innovative Geschäftsmodelle, die sich ganz nach den Wünschen der Kunden richten. Welche Auswirkungen das für die Arbeitsbedingungen und den Schutz der einzelnen Mitarbeiter haben wird, lässt sich noch schwer abschätzen. Die Szenarien reichen von kreativeren und flexibleren Aufgaben bis hin zur Dystopie der totalen Abhängigkeit des Arbeiters von Maschinen.

Historisches Bild aus dem Jahre 1913 zeigt eine der ersten Fließbandlinien in den Fordwerken

Arbeiter an einem der ersten Fließbänder im Ford-Werk in Highland Park, Michigan im Jahre 1913

Pro: Digitalisierung erlöst Arbeiter von Routinetätigkeiten

Noch in den 70er Jahren beschrieb der Reporter Günter Wallraff die Arbeit am Fließband in düsteren Worten: „Das Zermürbende am Band ist das ewig Eintönige, das Nichthaltmachenkönnen, das Ausgeliefertsein.“ Kein Arbeiter sei der Belastung lange Zeit gewachsen. „Ich  habe  herumgefragt  und  keinen gefunden, der länger als fünfzehn Jahre am Band ist.“

Entlastung schienen ab Mitte der 70er Jahre Industrieroboter zu bringen, die schwere, gefährliche oder gesundheitsschädigende Tätigkeiten übernahmen. Die Aufgaben der Arbeiter wurden komplexer. Sie überwachten Maschinen oder übernahmen komplexe Tätigkeiten, die sich nur schwer automatisieren ließen.

Doch der Einzug der Roboter in die Fabrikhallen brachte auch neue Probleme. Ausgerechnet in einer Ford-Fabrikhalle kam es 1979 zum ersten tödlichen Unfall mit einem Industrieroboter. Ein 25-jähriger Bandarbeiter wurde durch einen Roboterarm eingeklemmt. Solch tragische Unfälle blieben aber extrem selten. In vielen Werkshallen trennen Schutzzäune Menschen und Roboter und sorgen für die nötige Sicherheit.

In der Industrie 4.0 soll diese Trennung von Mensch und Maschine nun aufgehoben werden. Kollaborierende Roboter sollen dank fortschrittlicher Sensorik ihre Käfige verlassen. Das könnte die Interaktion von Mensch und Maschine revolutionieren und große Zuwächse bei der Produktivität erlauben.

Die Begabung menschlicher Arbeiter für komplexe, schwer planbare Tätigkeiten wird dann mit der Kraft, Ausdauer und Geschwindigkeit vonRobotern kombiniert. Für eine bessere Ergonomie der Arbeit stecken darin enorme Potentiale. Mit den neuen Techniken ließen sich alters- undalternsgerechte Arbeitsplätze gestalten.

In Zukunft, hofft der Industriesoziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen, sei eine humanorientierte Arbeitsgestaltung möglich. Nicht der Mensch richte sich nach dem Takt der Maschine, vielmehr werde die Maschine zum Assistenten des Arbeiters. Angesichts der derzeitigen Knappheit von Fachkräften könnte so auch die Industriearbeit attraktiver werden.

Industrieroboter im Fordwerk in den 80er Jahren

Industrieroboter der Firma KUKA aus den früher 80er Jahren. Um menschliche Arbeiter zu schützen, arbeiten die Roboter in abgetrennten Bereichen

Smartphone mit Schicht-Doodle

Auf dem Bildschirm ihres Smartphones können Mitarbeiter mit dem Schicht-Doodle flexibel Arbeitseinsätze planen

Kontra: Menschen werden zu Handlangern der Roboter

Ohne eine ganzheitliche Gestaltungsstrategie für die Industriearbeit der Zukunft könnten sich die Arbeitsbedingungen aber auch deutlich verschlechtern, fürchtet Hirsch-Kreinsen. So bestehe die Gefahr, dass flexiblere und intelligentere Maschinen zu einer weiteren Entgrenzung der Arbeit führen. Ständige Erreichbarkeit, flexible Arbeitszeiten und steigender Leistungsdruck könnten die Gefahr psychisch krankmachender Arbeitsbedingungen weiter steigern.

So berichtet Stefan Gerlach vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation von einem Praxis-Experiment mit einem Schicht-Doodle. Dieser App-basierte Webservice erlaubte es Mitarbeitern der Firma BorgWarner über ihre Smartphones Arbeitseinsätze und Schichtdienste kurzfristig  und eigenverantwortlich, also ohne zentrale Planung, zu verteilen.  Die Tester lobten die flexible Organisation und Mitbestimmung am Planungsprozess, beklagten sich aber über Informationsflut und den mangelnden persönlichen Kontakt.

Auf diese Ambivalenz wies auch Jörg Hofmann, der zweite Vorsitzende der Industriegesellschaft IG Metall, während seines Workshop-Vortrags hin. Derzeit, so Hofmann, seien für die Zukunft der Industriearbeit zwei Szenarien denkbar: Assistenzsysteme, die menschliche Arbeit unterstützen und aufwerten oder von Computern gesteuerte Systeme, in denen der Mensch nur noch Restaufgaben übernimmt.

Beispiele für diese neue Form der Abhängigkeit sind bereits absehbar. So könnten sogenannten Head-mounted-Displays, getragen wie eine Art Datenbrille, Mitarbeiter im Lager zum gewünschten Artikel leiten. Handlungsspielraum ist dann kaum noch vorhanden, die Arbeit wird monoton. In dieser Negativ-Vision erledigen Menschen nur noch Resttätigkeiten. 

Am Ende werde sich die Vision der Industriearbeit der Zukunft durchsetzen, die betrieblich sinnvoll ist, glaubt Hofmann. Technikwissenschaften und Sozialforschung müssen hier gemeinsam Lösungen entwickeln.

Mediziner der Universität Michigan nutzen Datenbrillen während einer Operation

Die Datenbrille Google Glass wird auch in der medizinischen Forschung eingesetzt, hier von Studenten an der Universität Michigan. Auch Siemens arbeitet an der Kombination von Datenbrillen und anderen Technologien wie etwa Ultraschall