Zukunft der Arbeit im Maschinenbau – Mittelstand in NRW

Datum:
20.06.2016
Uhrzeit:
14:00 – 18:00
Ort:
Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf

Das dritte Treffen der Workshop-Reihe widmet sich der Zukunft der Arbeit in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Mittelständische Unternehmen aus der Region stellen Praxisbeispiele zur Einführung von Industrie 4.0-Prozessen in Nordrhein-Westfalen vor und diskutieren die Nutzung digitaler Assistenzsysteme. Der Bezirksleiter der IG Metal in NRW, Knut Giesler, spricht in seiner Keynote über das Projekt Arbeit 2020. Yves-Simon Gloy vom Lehrstuhl für Textilmaschinenbau und Institut für Textiltechnik an der RWTH Aachen berichtet aus dem Forschungsprojekt Soziotex, das soziotechnische Systeme für die Textilindustrie erprobt, um die Interaktion von Menschen und Maschinen in einer alternden Gesellschaft möglichst effizient  zu gestalten. Dabei werden Mitarbeiter bei der Gestaltung von Lösungen miteinbezogen, da sie diejenigen sind die Systeme integrieren und nutzen. 

Fragestellungen des Workshops

1. Industrie 4.0 im Mittelstand: Status quo und Zukunft im Maschinen- und Anlagenbau

  • Wie ist der Status quo von Industrie 4.0 im Mittelstand des Maschinen- und Anlagenbaus in NRW?
  • Welche Probleme und Lösungen gibt es für KMU bei der Einführung von Industrie 4.0 im Unternehmen?
  • Wie gelingt es der Ausrüsterindustrie „Industrie 4.0“-fähige Maschinen herzustellen?
  • Schaffen es die Unternehmen dieses zukünftige Geschäftsfeld zu besetzen?


  • 2. Arbeitsorganisation im Maschinenbau: Chancen und Herausforderungen für den Mittelstand


    • Was kann man aus früheren Reorganisationsprozessen für die neue Arbeitswelt in der Industrie 4.0 ableiten?
    • Welche Folgen hat die Umstrukturierung der Arbeitsorganisation für die Beschäftigten?
    • Wie können Beschäftigte an der Einführung von neuen Arbeitsprozessen beteiligt werden?

     

Mittelstand: Mit Beteiligung zum Erfolg

Seit 1850 stellt die Firma Heusch in Aachen Schermesser für die Textilindustrie her. Mit dem handwerklichen Geschick der Beschäftigten hat es das Unternehmen, das bis heute in Familienbesitz ist, geschafft Weltmarktführer zu werden. „Natürlich sind wir viel teurer als die Konkurrenz aus Übersee“, sagt Geschäftsführer Hanns-Peter Spaniol. „Das Rennen um den niedrigsten Preis könnten wir nie gewinnen. Wir können uns nur behaupten, weil wir die besten Messer machen.“

Doch dafür müssen die 66 Mitarbeiter und 6 Auszubildenden stetig an ihrer Arbeit feilen. Ihr Chef hat in dem Traditionsunternehmen kürzlich die vierte industrielle Revolution ausgerufen, um sie dabei zu unterstützten - mit einer Datenbrille. Sie blendet ein CAD-Modell des Messers ein. Die Beschäftigten bekommen so angezeigt, ob ihre Bleche so millimetergenau auf den Zylinder gebogen sind, dass das rollenförmige Messer etwa die Fasern eines Teppichs auch sauber auf eine Länge schneidet.

Die Beschäftigten hat Spaniol schon früh in die Entwicklung einbezogen. „Man muss die Beschäftigten mitnehmen“, sagt er. „Dann kann man sie auch dafür begeistern.“ Schließlich hilft es den Beschäftigten dabei, noch bessere Qualität abzuliefern und so langfristig ihren Arbeitsplatz zu sichern. Mit Blick auf den Datenschutz ist er auch froh, einen Betriebsrat im Unternehmen zu haben. Der kontrolliert genau, was mit den über die Brille gesammelten Daten passiert und kann den Beschäftigten so die Angst nehmen, überwacht zu werden. Spaniols Fazit: „Ohne eine entsprechende Unternehmenskultur bekommt man das nicht hin.“

Beim dritten Workshop von acatech und Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf zur Zukunft der Industriearbeit wurde so auch deutlich: Gegenseitiges Vertrauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern scheint in der Industrie 4.0 noch wichtiger zu werden. Alle Teilnehmer waren sich entsprechend einig, dass die Beschäftigten an den Entscheidungen so früh wie möglich beteiligt werden müssen. Nur dann kann die Vernetzung der Produktion die Effizienz wirklich steigern und auch zum Erfolg werden.

„Man muss die Beschäftigten mitnehmen“. Hanns Dieter Spaniol von der Heusch GmbH über den Erfolg von Digitalisierungsmaßnahmen. (Foto: acatech)

„Man muss die Beschäftigten mitnehmen“. Hanns Dieter Spaniol von der Heusch GmbH über den Erfolg von Digitalisierungsmaßnahmen. (Foto: acatech)

„Nur wenn man die Arbeitnehmer fragt, bekommt man letztlich die Informationen, die zum Erfolg führen“, fasst Yves-Simon Goy von der RWTH Aachen seine Erfahrungen bei dr Arbeit mit Assistenzsystemen zusammen

„Nur wenn man die Arbeitnehmer fragt, bekommt man letztlich die Informationen, die zum Erfolg führen“, fasst Yves-Simon Goy von der RWTH Aachen seine Erfahrungen bei dr Arbeit mit Assistenzsystemen zusammen

Das bestätigt auch Yves-Simon Goy von der RWTH Aachen. Der Maschinenbau-Professor erforscht in einem interdisziplinären Projekt die Möglichkeiten von Assistenzsystemen, um so dem demographischen Wandel und älter werdenden Belegschaften gerecht zu werden. Die Soziologen in seinem Team gehen dazu in Betriebe und befragen die Beschäftigten. Darauf bauen die Ingenieure dann ihre Assistenzsysteme auf, die anschließend von den Beschäftigten im Betrieb auf ihre Praxistauglichkeit getestet werden. „Nur wenn man die Arbeitnehmer fragt, bekommt man letztlich die Informationen, die zum Erfolg führen“, fasst er seine Erfahrungen zusammen.

Das passt zu den Erfahrungen der IG Metall. Die Gewerkschaft setzt sich dafür ein, dass die Beschäftigten in die konkrete Gestaltung von Industrie 4.0 eingebunden werden. „Wir wollen die Chancen der Digitalisierung nutzten“, sagt Knut Giesler, der NRW-Bezirksleiter der IG Metall. „Für eine neue Humanisierung der Arbeit.“ Damit das auch in kleinen und mittelständischen Betrieben gelingt, erstellt die Gewerkschaft derzeit eine Betriebslandkarte mit Beispielen vernetzter Produktion von Mittelständlern. Derzeit denkt die IG Metall auch über neue Arbeitszeitmodelle nach, da bisherige Regelungen von der technischen Entwicklung überrollt werden. „Nicht nur die Betrieben wünschen sich da mehr Flexibilität“, sagt Giesler. „Sondern auch die Beschäftigten.“ Nun gelte es auch mit Hilfe der Tarifpolitik Lösungen zu entwickeln, die trotz mobilen Arbeitens einen Feierabend ermöglichen und den Stress eher reduzieren, anstatt ihn stetig anwachsen zu lassen.

Kleinen und mittleren Unternehmen empfiehlt Unternehmensberater Jürgen Bischoff von agiplan, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren und zu prüfen wie vernetzte Technologie ihre Produktion oder ihre Logistik verbessern kann. Eine große Strategie die in weiter Ferne liege, sei kein gangbarer Weg. Mit ihren kurzen Entscheidungswegen könnten gerade kleinere Firmen so ihre Wettbewerbsfähigkeit zielsicher steigern. Für ihn ist dabei ganz klar: Die Erfolgsfaktoren sind eine entsprechende Unternehmenskultur und der Wille zur Innovation. Beides dürfte ohne die Beschäftigten nicht gehen.

Günther Schuh, Professor für Produktionssystematik an der RWTH Aachen, der die Diskussion als acatech Präsidiumsmitglied und Projektleiter moderierte, wirbt dafür, die Einführung der neuen Technik gemeinsam anzupacken. „Die Ängste und Unsicherheiten sind bei den Arbeitgebern genau so groß wie bei den Arbeitnehmern“, sagt er. „Wir müssen jetzt einfach loslaufen. Wenn wir alle beteiligen, werden wir sicher keine Fehler machen, die sich im Nachhinein nicht wieder beheben lassen.“ Auch Michael Guggemos, Sprecher der Geschäftsführung der Hans-Böckler-Stiftung, plädiert dafür, die Herausforderungen und Chancen von Industrie 4.0 anzunehmen. Er merkt aber auch kritisch an, dass die neue Technologie ihr Wohlstandsversprechen dann auch einlösen müsse. Das könnte tatsächlich gelingen - vor allem wenn die Mittelständler die neuen Technologien nutzen, um drängende Probleme zu lösen.

„Die Ängste und Unsicherheiten sind bei den Arbeitgebern genau so groß wie bei den Arbeitnehmern", sagt acatech Projektleiter Günther Schuh vom RWTH Aachen. (Foto: acatech)

So wie das 50-Mitarbeiter starke Unternehmen mkPlast aus Monschau in der Eifel. Der Folienhersteller hat kürzlich 20 verschiedene Software-Lösungen in einem einzigen Programm zusammengefasst. Geschäftsführer Bernhard Dickmann hat zusammen mit seinen Mitarbeitern klare Ziele formuliert und die passenden Programmierer gefunden, die eine entsprechende Datenbank aufgesetzt haben.

„Weil alle von Anfang an der neuen Technik mitentwickelt haben, mussten wir auch niemanden nach der Einführung speziell schulen“, sagt er. „Aber es braucht Mut und Risikofreude. Dann lohnt es sich am Ende.“ Heute seien seine Mitarbeiter deutlich zufriedener, weil sie sich auf den Kern ihrer Arbeit konzentrieren können, während die Software im Hintergrund für Ordnung sorgt. Und auch er sei glücklicher, weil es gelungen sei, die nervigen Sätze „Wir suchen“ und „Wir haben vergessen“ aus dem Betrieb zu verbannen.

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