Industrie 4.0 im betrieblichen Kontext

Datum:
12.12.2014
Uhrzeit:
10:30 – 15:30
Ort:
Akademie der Wissenschaften, Berlin

Das erste Treffen der Workshop-Reihe führte in das Thema "Die Zukunft der Industriearbeit" ein. Rund 30 Experten aus Wissenschaft, Unternehmen und Gewerkschaften analysierten erste Praxisbeispiele aus Unternehmen. Sie gewannen Einblicke in die Veränderungen, die Industrie 4.0 in Fabriken auslösen wird und diskutierten, was das für die Interaktion von Mensch und Maschine bedeutet. Zudem berieten die Teilnehmer, wie die Umorganisation der betrieblichen Arbeit gestaltet werden kann.

Ergebnisse des Workshops

  • Die Digitalisierung wird die Arbeit grundlegend verändern. Wie die neuen Arbeitsplätze aussehen werden, ist allerdings noch offen. Für die Beschäftigten stecken darin Risiken aber auch Chancen.
  • Entscheidend wird sein, wie Arbeit künftig organisiert wird: Treffen wenige Experten an der Spitze alle Entscheidungen, die dann von Mitarbeitern, von der Technik angeleitet, nur noch ausgeführt werden? Oder arbeiten Ingenieure und Facharbeiter in Zukunft Hand in Hand, organisiert in flachen Hierarchien?
  • Unternehmen sollten die Mitarbeiter bei der Einführung neuer Technologien frühzeitig beteiligen: Die Beschäftigten am Band sind wichtige Experten. Ihre Ideen frühzeitig aufzugreifen, spart Zeit und Geld.

Beschäftigte müssen mitreden

Betriebsrat Holger Kroekel war Mitte Dezember aus dem Saarland extra nach Berlin gereist, um über die ersten Erfahrungen mit einer Industrie 4.0-Produktionslinie zu berichten. Seit einigen Wochen arbeiteten einige seiner Kollegen bei Bosch Rexroth in Homburg (Saar) bereits auf einer digitalisierten Montagelinie für Hydraulik-Ventile von Traktoren. Mensch, Maschine und Produkt sind dort digital miteinander vernetzt. Die Beschäftigten tragen einen Bluetooth-Chip, an dem die Maschine sie erkennen kann. Sie weiß dadurch, wie gut der Mitarbeiter qualifiziert ist und wie sie für ihn das Licht einstellen muss.

Das Werkstück ist ebenfalls mit einem Chip ausgestattet und kann so mit der Fertigungssteuerung und mit der Auftragsplanung kommunizieren. So kann die Maschine auf ein virtuelles Abbild des fertigen Produkts zugreifen und dem Beschäftigten auf einem Bildschirm erläutern, was als nächstes zu tun ist.

Die Vorteile dieser digitalisierten Produktion erläuterte Kroekels Kollege Andreas Jenke. Als Leiter Kundenprojekte Montagetechnik bei Bosch-Rexroth hatte Jenke die Anlage gemeinsam mit seinem Team konzipiert und gebaut. Die neue Linie, so Jenke, könne deutlich mehr unterschiedliche Produkte herstellen als ihr analoges Gegenstück. Sogar Losgröße 1 werde damit möglich, das heißt für einen Kunden kann ein einziges Teil nach individuellen Vorgaben gebaut werden. Zudem solle die neue Arbeitsstation autark arbeiten und einfacher zu bedienen sein. „Es geht darum, die Komplexität beherrschbar zu machen“, sagte Jenke. Dazu gehört auch, dass die Anlage permanent Daten über den Stand der Produktion liefert, die in Echtzeit analysiert werden können.

Günther Schuh, Professor für Produktionssystematik an der RWTH Aachen, der die Diskussion als acatech-Präsidiumsmitglied und Projektleiter moderierte, brachte die Hoffnung der Ingenieure in Sachen Industrie 4.0 auf den Punkt: „In der Stückteilfertigung geht es darum, überhaupt die Kontrolle über den Produktionsprozess zu gewinnen.“ Denn bislang wisse etwa ein Autohersteller nicht, ob die vom Zulieferer bestellten Teile auch tatsächlich pünktlich einträfen. Der Grund: der Zulieferer könne das selbst nicht zuverlässig bestimmen. Mit einer ständig durchanalysierten Linie wie bei Bosch-Rexroth dürfte das der Vergangenheit angehören.

Technik soll Menschen unterstützen

Das Beispiel gibt einen Vorgeschmack auf die unglaubliche Menge an Daten, die in smarten Fabrik anfallen werden. Das ergonomische Potenzial von Industrie 4.0 beschränkt sich nicht darauf, dass Maschinen entsprechend der Qualifikation eines Arbeiters das Licht in der entsprechenden Helligkeit einstellen. Das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik arbeite derzeit an der Vermessung des Arbeiters, erläuterte Jörg Krüger in seinem Vortrag. Dabei werden alle Bewegungen aufgezeichnet und analysiert, um daraus Erkenntnisse für den Arbeitsschutz zu gewinnen. Lars Adolph von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigte sich daher sehr optimistisch, dass Industrie 4.0 enorme Chancen für eine menschengerechtere Arbeit bieten könnte. „Die Frage des Datenschutzes ist dabei aber nicht banal“, warf er jedoch kritisch ein. „Die rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen sollte man beim Umgang mit den Daten von vornherein mitdiskutieren.“

Für die Beschäftigten bietet die Digitalisierung der Produktion demnach Chancen und Risiken. Jörg Hofmann, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, machte daher in seiner Keynote deutlich, dass es darum gehen müsse, das Potenzial der neuen Technik für eine Humanisierung der Arbeit zu nutzen. Denn „wohin die Reise geht“, sei derzeit noch offen. Es gebe viele Ideen hinsichtlich Industrie 4.0. „Aber für mich sind das noch viele Lego-Steine, die auf ihren Baumeister warten“, beschrieb Hofmann seinen Eindruck der neuen Technologie. Letztlich müsse es in der digitalisierten Fabrik darum gehen, dass der Mensch das System steuere und bei seiner Arbeit von der Technik unterstützt werde und - und nicht umgekehrt.

Organisation der Arbeit: Schwarmintelligenz oder Top-down

Der Industriesoziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen, Professor an der TU Dortmund, zeigte in seinem Vortrag verschiedene Zukunftsszenarien auf. Noch sei offen, wie die digitalisierte Produktion irgendwann aussehen und wie sie die Arbeit verändern werde. Er plädierte dafür, nicht nur die Technik und die Beschäftigten in den Blick zu nehmen, sondern auch die Organisation der Arbeit.

In der Industrie 4.0, so Hirsch-Kreinsen, werde sich die Organisationsstruktur zwischen zwei Gegensätzen bewegen. Auf der einen Seite stehe das polarisierte Unternehmen: hier treffen wenige Experten an der Spitze alle Entscheidungen, während Arbeiter, angeleitet von Maschinen, nur noch Vorgaben ausführen. Auf der anderen Seite stehe die Schwarmintelligenz: In solchen Unternehmen werden Hierarchien flacher und Ingenieure arbeiten Hand in Hand mit hochqualifizierten Facharbeitern. Dabei haben alle Beschäftigten relativ große Handlungsspielräume.

Teil einer Präsentation zu Industrie 4.0 von Hartmut Hirsch-Kreinsen

Betriebsrat Kroekel kann aus seinen Erfahrungen mit Industrie 4.0 eins schon sagen: Einfacher wird die Arbeit nicht: „Es wird eher komplexer. Die Kollegen müssen schneller reagieren und sich auch schneller umstellen.“ Doch habe der Betriebsrat auch noch etliche Fragen, bevor solche Montagelinien zum Standard werden könnten - etwa zum Datenschutz, zum flexiblen Einsatz von Beschäftigten nach Auftragslage oder was aus den Kollegen werde, die man künftig vielleicht nicht mehr brauche.

Und ein weiterer Kritikpunkt: Die Operateure und auch der Betriebsrat seien bei der Entwicklung der Linie nicht von Beginn an einbezogen worden. „Aber das kennen wir schon aus der Vergangenheit“, sagt Kroekel. „Dann wird die Linie wie so oft über das betriebliche Vorschlagswesen optimiert.“ Professor Schuh pflichtete Kroekel bei. Für die Unternehmen sei es durchaus sinnvoll, die Beschäftigten bei der Entwicklung von Anfang an einzubeziehen. Die Ergebnisse seien oft einfach besser und damit letztlich effizienter und auch kostengünstiger. Etwas Schwarmintelligenz könne also nicht schaden.

Dokumente

Industrie 4.0 – Zukunft der Industriearbeit (pdf 351 KB)

Präsentation von Prof. Günther Schuh gehalten zu Beginn des Workshops im Dezember 2014.

Wandel von Industriearbeit – Industrie 4.0 (pdf 382 KB)

Präsentation von Hartmut Hirsch-Kreinsen gehalten während des Workshops im Dezember 2014.

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