Digitalisierung der chemischen und pharmazeutischen Industrie

Datum:
12.11.2015
Uhrzeit:
10:00 – 16:00
Ort:
Leonardo Royal Hotel, Frankfurt

Das zweite Treffen der Workshop-Reihe widmet sich der Zukunft der Arbeit in der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Mehr als 100 Mitbestimmungspraktiker aus Unternehmen und Gewerkschaften sowie Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutieren die Folgen von Industrie 4.0 für die Prozessindustrie. Neben Handlungsfeldern und Gestaltungsmöglichkeiten für Betriebsräte und Gewerkschaften werden auch Forschungsprojekte und Praxis-Beispiele aus Unternehmen vorgestellt, die bereits Industrie 4.0 umsetzen.

Ergebnisse des Workshops

  • Digitalisierung wird auch für die chemische und pharmazeutische Industrie immer wichtiger.Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt lassen sich aber noch nicht abschätzen.
  • Zwei Szenarien sind für die Zukunft von Arbeitsorganisation und Arbeitsbedingungen möglich: einerseits die fortschreitende Automatisierung der Produktion bis hin zur menschenleeren Fabrik, andererseits die zunehmende Spezialisierung der Mitarbeiter, die durch Assistenzsysteme unterstützt werden. Die entscheiden liegt in der Hand der Unternehmer.
  • Die Anforderungen an Aus- und Weiterbildung werden stetig steigen. Kleine und mittelständische Unternehmen riskieren hier den Anschluss zu verlieren.
  • Betriebsräte und Gewerkschaften in der chemischen und pharmazeutischen Industrie müssen aktiv für die betriebliche Mitbestimmung eintreten. Sie müssen die Bedeutung der Mitbestimmung für den wirtschaftlichen Erfolg besonderns Vertretern aus Politik und Unternehmen deutlich machen.

Digitalisierung revolutioniert Prozessindustrie

Bild einer Fermentieranlage der Bayer AG

Fermentieranlage der Firma Bayer - wie wird Industrie 4.0 die Arbeit in der chemischen Industrie verändern?

Wie verändert die Industrie 4.0 die Arbeit und das Modell der betrieblichen Mitbestimmung? Darüber diskutierten rund 110 Betriebsräte, Firmenvertreter und Wissenschaftler aus der Prozessindustrie am 12. November in Frankfurt (Main). Der von acatech und der Hans Böckler Stiftung in Zusammenarbeit mit IG BCE und VDI-TZ organisierte Workshop widmete sich auch den Anforderungen an Aus- und Weiterbildung.

Rund eine halbe Millionen Menschen arbeiten allein in Deutschland in der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Doch anders als in der industriellen Produktion existiert in der Prozessindustrie noch wenig Wissen über die Auswirkungen der Industrie 4.0, also der Digitalisierung und Vernetzung der Arbeitsorganisation. Der gemeinsame Workshop Digitalisierung der chemischen und pharmazeutischen Industrie: Handlungsfelder für Gewerkschaften und Betriebsräte in der Industrie 4.0 stellte sich diesen Fragen. Vorgestellt wurden auch Forschungsprojekte und Praxis-Beispiele aus Unternehmen.

„Noch lassen sich die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt kaum abzuschätzen. Genau deshalb müssen wir uns schon jetzt mit dem Thema Industrie 4.0 beschäftigen“, erklärte der Vorsitzende des IG BCE Landesbezirks Hessen-Thüringen Volker Weber. Zwar seien intelligente Logistik und Automatisierung für die Chemie- und Pharmabranche nicht neu. Doch die digitale Vernetzung über einzelne Betriebe hinaus leite einen völlig neuen Grad der Flexibilisierung von Produktion und Arbeit ein.

Arbeit der Zukunft: Automatisierung vs. Spezialisierung

Zur Zukunft der Arbeit skizzierte Walter Ganz, Institutsdirektor am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, zwei denkbare Szenarien. Einerseits die vollständige Automatisierung aller Tätigkeiten bis hin zur menschenleeren Fabrik. Andererseits die zunehmende Spezialisierung der Mitarbeiter: Unterstützt durch Assistenzsysteme und Roboter übernehmen sie immer anspruchsvollere Aufgaben und steuern die komplexen Prozesse einer vernetzten und individualisierten Produktion. Welches Szenario dominieren werde, so Ganz, hänge auch von den Weichenstellungen in den Unternehmen ab. Forcieren sie die Automatisierung oder investieren sie in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter?

Bild aus einem BASF-Labor

Ein Chemielabor der BASF SE, fotografiert für das acatech Fotoprojekt "Forschung sichtbar machen".

Nach den Worten von Uwe Liebelt, dem Leiter des Projekts BASF 4.0, führen Digitalisierung und Vernetzung zumindest innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre nicht zur menschenleeren Fabrik. „Den Operator, der mit dem Tablet vom Sofa aus die Anlage fährt, wird es erst einmal nicht geben“, sagte er. Immer wichtiger für die Belegschaften würden hingegen intelligente Assistenzsysteme. Deshalb habe man eine Industrie 4.0 Bildungspyramide eingerichtet und werde rund 100.000 BASF-Mitarbeiter für die Industrie 4.0 schulen. „Das Potenzial der Industrie 4.0 können wir nur nutzen, wenn wir die Mitarbeiter entsprechend aus- und weiterbilden“, erklärte Liebelt.

Mitbestimmung zwischen Kampf und Fairness

Den Weg dahin skizzierte die IG-BCE-Bereichsleiterin für Forschung, Innovation und Technologie Iris Wolf. Neben dem technischen Wissen etwa um IT-Prozesse würden in Zukunft Soft Skills und Sprachkenntnisse immer wichtiger. Kaum ein Mitarbeiter in der Produktion spreche heute jedoch Englisch. „Wir müssen aufpassen, dass wir alle Kollegen mitnehmen und für den Wandel zur Industrie 4.0 fit machen“, sagte sie.

Einen Blick in die weitere Zukunft wagte zum Abschluss Marc Schietinger von der Hans Böckler Stiftung, der vier mögliche Szenarien zur Mitbestimmung im Jahr 2035 vorstellte. Achte man auf Verantwortung und Fairness könnten sich auch 2035 kollektive und repräsentative Formen der Mitbestimmung behaupten. Möglich seien aber auch Szenarien, die zu einem stärkeren Konkurrenzkampf der Beschäftigten führe.

„Im Wettbewerbsszenario steht der einzelne Arbeitsnehmer für sich und kämpft nur für seine Interessen. Betriebsräte sprechen nicht mehr für die ganze Belegschaft“, erklärte Schietinger. Wichtig sei es daher, Politik und Wirtschaft davon zu überzeugen, dass Mitbestimmungsrechte auch in der Industrie 4.0 wichtig bleiben und weiterhin zum Erfolgsmodell der sozialen Marktwirtschaft gehören.

Dokumente

Walter Ganz (pdf 1.3 MB)

Arbeit und Qualifizierung in der Industrie 4.0: Viel Lärm um Nichts oder neue große Herausforderungen?

Torsten Pötter (pdf 2.6 MB)

Industrie 4.0 - verändert Produkte und die Produktion

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